Mein Bike

Mein aktuelles Reiserad habe ich mir 2009 nach 12 Jahren Erfahrung mit Radreisen, unterschiedlichen Reiserädern und wechselnder technischer Ausrüstung zusammengestellt. Ich habe dies mit dem Anspruch getan, ein perfektes Reiserad zu erhalten, das auch für eine Weltreise geeignet ist. Aber gibt es das überhaupt, das perfekte Reiserad?

1. Das perfekte Reiserad – Ein Kompromiss

Ein Fahrrad, das alle Reiseziele, Anwendungen und Streckenprofile abdeckt, kann immer nur ein guter Kompromiss sein! Ein auf raues Gelände abgestimmtes Fahrrad wird auf der glatt asphaltierten Straße immer Nachteile haben und genauso ist dies umgekehrt. Hinzu kommt, dass die von mir für ein optimales Reiserad als wichtig erachteten Kriterien teilweise im Widerspruch zueinander stehen. So ist zum Beispiel die von mir schließlich gewählte Rohloff-Nabenschaltung zwar sehr wartungsarm und zuverlässig, andererseits aber schwer zu reparieren, falls dann doch einmal ein Defekt auftritt. In diesem und in ähnlichen Fällen musste ich also entscheiden, was mir im Einzelfall wichtiger war.

Es ging mir bei der Auswahl der Komponenten also darum, ein Reiserad zusammenzustellen, das für möglichst alle Terrains dieser Welt geeignet, demnach möglichst optimale Allround-Eigenschaften aufweist. Rückblickend, nach über 5 Jahren und knapp 30.000 gefahrenen Kilometern, bin ich mit der Auswahl sehr zufrieden, denn mein Rad hat mir, insbesondere auf meiner einjährigen Weltreise, sehr treue Dienste geleistet.

Mein Rad:

2. Kriterien für die Auswahl eines Reiserades

Die Entscheidung für ein passendes, zuverlässiges Reiserad ist eine Wahl, die von dem geplanten Einsatz und ganz persönlichen Dingen, wie zum Beispiel der bevorzugten Sitzposition, mitbestimmt werden sollte. Auch das vorhandene Budget wird bei der Auswahl eine Rolle spielen, wobei keiner dem Irrglauben verfallen sollte, dass ein sehr teures Rad automatisch die beste Wahl ist. Ein paar Kriterien sollte allerdings jedes Reiserad erfüllen wenn es bepackt auf eine längere Tour gehen soll und man nicht dauerhaft befürchten will, dass die Tour ganz schnell vorbei ist.

a) Stabilität

Gerade auf längeren Touren packe ich mit Zelt, Schlafsack und Kochutensilien bis zu 40 kg auf das Rad. Selbst bringe ich knapp 90 kg auf die Waage, so dass ich auf eine Gesamtzuladung von bis zu 130 kg komme! Da es zudem gelegentlich durch unwegsames Gelände geht, hatte das Kriterium der Stabilität, insbesondere bei der Auswahl des Rahmens, für mich eine besonders hohe Priorität. Aber auch Tourenradler, die weniger auf die Waage bringen und mit weniger Gepäck am Rad unterwegs sind, sollten bei der Auswahl ihres Reiserades auf Stabilität setzen, da jede längere Radtour mit Packtaschen dem Rad deutlich mehr abverlangt als dies im Alltagseinsatz der Fall sein wird. Ein bisschen Stabilitätsreserve ist hier gut investiert.

b) Wartungsarmut

Wer länger unterwegs ist und dabei in Ländern ohne ein dichtes Netz von gut ausgestatteten Fahrradgeschäften unterwegs ist, wird es zu schätzen wissen, ein Rad zu fahren, dessen Komponenten möglichst wenig Wartung bedürfen. Wer auf zuverlässige, wartungsarme Komponenten setzt, ist deutlich entspannter unterwegs, weil sich die Gedanken nicht ständig um den nächsten Boxenstopp drehen müssen. Typische Wartungsarbeiten an einem Rad sind der Wechsel von Ketten, Ritzeln, Kettenblättern, Mänteln und Schläuchen. Je rauer das Gelände und Wetter, umso öfter steht ein Wechsel an.

c) Einfache Reparaturmöglichkeit

Je simpler die Technik, umso einfacher ist es, auf einer Tour das Rad gegebenenfalls selbst zu reparieren oder sich auch in entlegenen Teilen der Welt mit Ersatzteilen zu versorgen. Gelegentlich steht dieses Kriterium im Konflikt mit einer durch die entsprechende Auswahl von Komponenten erzielten Wartungsarmut. So ist beispielsweise die von mir gewählte Nabenschaltung von Rohloff ohne Zweifel sehr wartungsarm. Sollte sie dann aber einmal einen Defekt erleiden, wäre man auf jeden Fall auf die Hilfe des Herstellers aus Fuldatal / Deutschland  angewiesen.

d) Gewicht und Komfort treten zurück

Die unter a) bis c) benannten Kriterien gaben den Ausschlag für die Auswahl der Komponenten für mein Rad. Andere Faktoren, wie z.B. Komfort und Gewicht sind demgegenüber in den Hintergrund getreten. Dies führt dazu, dass mein Rad ein Trockengewicht von stolzen 16 kg hat und über keine Federung verfügt. Stattdessen habe ich nur etwas breitere Mäntel gewählt, um zumindest eine Minimaldämpfung zu erreichen.

Natürlich hätte ich mich z.B. auf den Wüsten- und Schottenpisten Boliviens über etwas Federungskomfort oder ein neumodisches „Fat-Bike“ mit Minimalgepäck gefreut, aber letztendlich war mir wichtiger, dass ich die gesamte Weltreise ohne erhebliche Pannen überstehe und ich mit meinem Rad auf allen Pisten unterwegs sein kann.

3. Komponenten im 5-Jahre – Test

Nachfolgend möchte ich ein paar der Komponenten meines Rades etwas ausführlicher erwähnen, um dem einen oder anderen Leser eine mögliche Entscheidungshilfe bei der Suche nach geeigneten Radkomponenten mit an die Hand zu geben. Dafür habe ich die Gründe angeführt, die mich 2009 zum Kauf bewogen haben und diese um die Erfahrungen mit diesen Komponenten während der in den letzten 5 Jahren gefahrenen ca. 30.000 Kilometer, ergänzt.

a) XXL Stahlrahmen mit Stahlgabel

Es war nicht ganz leicht, für meine Körpergröße von 1,90 m und mit der Anforderung an eine möglichst hohe Stabilität bei maximaler Zuladung einen passenden Rahmen zu finden. Leichte Alurahmen oder dünnwandige Stahlrahmen (weniger als 0,4 mm) schienen weniger geeignet. Meine Entscheidung fiel schließlich auf den mehr als 3,5 Kilogramm schweren „Velotraum XXL“-Stahlrahmen mit einem zulässigem Systemgewicht (Systemgewicht = Eigengewicht des Rades + Zuladung + Fahrer) von 170 kg! Ich hatte mich trotz des höheren Gewichts für Stahl entschieden, da ich, sollte der Rahmen dann doch einmal brechen, auch in den entlegensten Ecken der Welt einen Schweißer finden würde, der mir mein Rad zumindest wieder fahrfertig bekommt.

Fazit: Meine Erfahrungen mit dem Velotraum-Rahmen sind bisher sehr positiv. Der Rahmen ist extrem steif und verwindet sich auch im vollständig beladenen Zustand nicht, was das gefährliche „Flattern“ bei schnellen Abfahrten verhindert. Kleiner Minuspunkt ist der inzwischen aufgetretene Rost an der Gabel im Bereich des Scheinwerferhalters, was aber wohl auch mit der simplen Konstruktion des B&M Scheinwerferhalters zusammenhängt.

b) Die Schaltung: „Rohloff – Speedhub 500/14“

Eines der wichtigsten funktionalen Elemente des Reiserades ist die Schaltung. Nur wenn sie sauber funktioniert kann es unbeschwert die Berge hinaufgehen. Bis zu meiner Weltreise war ich mit der „Shimano XT“-Kettenschaltung unterwegs gewesen, die in sauberem Zustand sehr zuverlässig arbeitet. Dem stand gegenüber, dass ich gelegentlich Probleme mit Transport- oder Anstoßschäden am empfindlichen, außenliegenden Schaltwerk hatte. Auch lief die Kette bei schwierigen Bedingungen mit Dreck und Schlamm schnell nicht mehr rund und hakte bei Gangwechseln. Die Folge waren regelmäßige Wartung- und Reinigungsarbeiten und auch schon einmal ein Kettenriss.

In 2009 habe ich mich für die 14-Gang Nabenschaltung „Speedhub 500/14“ des deutschen Herstellers Rohloff entschieden. Der Speedhub eilte ihr Ruf als wartungsarmes, zuverlässiges Arbeitstier voraus. Das in einem Ölbad arbeitenden Getriebe der Speedhub benötigt außer einem gelegentlichen Ölwechsel (empfohlen alle 5.000 km) keine Wartung. Die 14 Gänge decken in etwa das Spektrum einer 27-Gang-Schaltung ab, da sie gleichmäßig abgestuft sind und keine Mehrfachabdeckung vorhanden ist. Weil die Kette in einer Flucht läuft und es keine Querbelastungen bei Gangwechseln gibt, haben Kettenblatt, Antriebsritzel und Kette eine deutlich längere Lebensdauer als bei einer Kettenschaltung. Muss die Kette dann doch einmal getauscht werden, eignet sich jede stabile 8-fach Kette. Weiterer Vorteil ist die Möglichkeit, die Gänge auch im Stand zu wechseln.

Die von Rohloff beworbene Zuverlässigkeit und Wartungsarmut, kann ich mit Einschränkungen, siehe unten, bestätigen. Auf meiner einjährigen Weltreise habe ich ca. 18.000 km zurückgelegt und in dieser Zeit lediglich dreimal die Kette gewechselt (bevor sie durch Längung Kettenblatt und Ritzel angriff) und einmal das Ritzel gewendet. Darüber hinaus reichte es, gelegentlich die Kette über den Exzenter zu spannen, zu reinigen und zu ölen. So lief die Kette immer rund und stockte nicht ein einziges Mal. Auch die Schaltmöglichkeit im Stand empfand ich als extrem hilfreich, insbesondere nach abrupten Stopps in der Stadt oder am Berg.

Nicht unerwähnt soll bleiben, dass ich während meiner Weltreise zwei außerplanmäßige Stopps wegen der Speedhub einlegen musste.

(1) Im August 2013, nach ca. 15.000 km Gesamtlaufleistung, stellte ich in Alaska fest, dass die Speedhub plötzlich deutliche Betriebsgeräusche von sich gab. Die Funktion war nach wie vor in allen Gängen einwandfrei. 2 Wochen später bestätigte mir ein Händler in Seattle, der viele Räder mit Rohloff-Naben verkauft, die Geräusche und empfahl mir Cycle Monkey in San Francisco. Die 2.000 km Strecke dahin könnte ich ohne Bedenken mit der Rohloff zurücklegen! In San Francisco angekommen waren die Geräusche wieder verschwunden ohne dass ich genau hätte sagen können, wann das passiert war. Ich suchte Cycle Monkey dennoch auf. Sie machten die Nabe auf, stellten fest, dass diese trocken gelaufen war und dass ein „leichter Verschleiß“ vorläge. Auf Kulanz wurde das gesamte Getriebe ausgetauscht, frisches Öl eingefüllt und ich musste lediglich die Arbeitszeit zahlen.

(2) Im April 2014, nach knapp 23.000 km Gesamtlaufleistung, stellte ich in Japan plötzlich fest, dass die Speichenaufhängung der Speedhub an einer Stelle gebrochen war. Die Felge war entsprechend verzogen und hatte einen leichten Schlag. Auf meine E-Mail meldete sich Rohloff noch am selben Tag und arrangierte umgehend den Express-Versand eines neuen Rohloff-Gehäuses nach Japan. Der extrem hilfsbereite Rohloff Importeur in Osaka, Fumiyoshi Sugiki von MC International Japan, der das Gehäuse austauschte, organisierte mir auch gleich einen Radhändler, der die Felge neu aufbaute. Ich musste lediglich den Felgenaufbau und die Speichen zahlen; den Rest der Kosten trug Rohloff.

Fazit: Der offensichtliche Nachteil einer Rohloff-Schaltung liegt (neben dem hohen Preis von ca. 1.000 EUR) in der Komplexität des Systems. Auch wenn mir kein Fall eines Gesamtausfalls bekannt ist – wenn Schäden auftreten, dann ist man auf die Hilfe von Rohloff angewiesen. Dass diese Hilfe im Schadensfall kommt, hat Rohloff in meinem Fall eindrucksvoll belegt, so dass ich mich auch wieder für die Rohloff Speedhub 500/14 entscheiden würde und davon ausgehe, dass der bei mir aufgetretene Schaden (den ersten Fall als „Schaden“ einzustufen, wäre wohl nicht ganz korrekt) eine seltene Ausnahme war.

c) 26 Zoll Felgen

Obgleich mein XXL-Stahlrahmen recht groß ist, hatte ich mich für die recht klein wirkenden 26 Zoll Laufräder „Rigida Andra 30“ (660g pro Felge) entschieden, da sie mit einem doppelten Felgenboden ausgestattet. Sie sollten eine erheblich höhere Stabilität gegenüber 28-Zoll-Laufrädern bieten und waren für mich die logische Ergänzung zum stabilen Stahlrahmen.

Fazit: Die Felgen haben sich von der teilweise erheblichen Beanspruchung mit Schottenpisten und einer Zuladung von +40 kg Gepäck völlig unbeeindruckt gezeigt. Nicht zu unterschätzen ist auch das kleinere Packmaß, gegenüber 28 Zoll-Rädern das gerade bei gelegentlichen Reisen mit dem Bus oder dem Flugzeug ein paar Mal wichtig wurde. Einige Fluggesellschaften schreiben extrem kleine Packmaße vor, die man mit einem größeren Rad kaum einhalten kann. Übergrößen kosten dann astronomische Summen.

d) Mäntel

Gerade regelmäßige auftretende „Platten“ können bei einem voll bepackten Rad ein Ärgernis sein. Nicht nur, dass ein platter Reifen gemäß Murphy‘s Gesetz immer zur Unzeit kommt, der Austausch ist auch recht umständlich, weil man zunächst das gesamte Gepäck vom Rad nehmen, dann den Reifen flicken (oder einen neuen Schlauch einziehen) und am Ende das ganze Gepäck wieder aufladen muss. Ich habe mich beim Kauf meines Bikes in 2009 für die mit einem extra Pannenschutz versehenen „Marathon-Extreme“-Mäntel des deutschen Herstellers Schwalbe entschieden.

Fazit: Das Prädikat „unplattbar“ kann man einem Reifen, der auf 18.000 km 11 Platten bekommt wohl eher nicht geben. Andererseits waren alle 11 Platten auf meiner Weltreise auf massive Nägel, Ventilabrisse oder Fremdkörper zwischen Schlauch und Mantel zurückzuführen, gegen die kein Mantel einen zuverlässigen Schutz bietet. Kleine Glasscherben, spitze Steine, etc. konnten dem Mantel jedenfalls nichts anhaben. Den „Marathon Extreme“ gibt es inzwischen nicht mehr; ich fahre daher inzwischen den „Marathon Mondial“, der mit seinem leichten Stollenprofil mit gut rollender Mittelzone einen guten Reise-Allrounder darstellt. Für mich also nach wie vor eine Empfehlung.

e) Strom und Beleuchtung

Jahrelang bin ich mit verschiedenen Batterielampen gereist und habe es immer wieder erlebt, dass z.B. in Asien die Sonne blitzartig hinter den Bergen verschwand und gerade dann die Batterien der Frontleuchte ihren Geist aufgaben. Mit diesem Rad sollte dies anders sein. Ich entschied mich für den Nabendynamo „SON 28“ aus Tübingen und den „SON-Edellux“-Scheinwerfer des Herstellers SON aus Tübingen/Deutschland. Für die Rückleuchte setzte ich auf batteriebetriebene Blinklichter, die nur sehr wenig Strom brauchten, ein extrem kleines Packmaß hatten und sicherstellten, dass ich nicht übersehen wurde.

Fazit: Sowohl Scheinwerfer als auch Nabeldynamo haben mich vom ersten Tag an begeistert, da ich bei Dunkelheit jetzt immer eine extrem hell ausgeleuchtete Straße vor mir habe. Der beim Treten nicht spürbare, sehr gut abgedichtete Nabendynamo liefert auch tagsüber den Strom für externe Geräte, wie z.B. meinen Powerakku zur Versorgung des GPS / Smartphones. 

f) V-Brakes

Ein gutes Beispiel für eine wartungsarme und gleichzeitig extrem einfach zu reparierende Radkomponente ist die V-Brake, eine Felgenbremse. Ich habe mich für die Avid Single Digit 7 entschieden; qualitativ entspricht sie in etwa der Shimano Deore V-Brake. Sie ist recht günstig, zuverlässig und arbeitet kraftvoll. Als Ersatzteile packt man nur ein paar Bremsschuhe und einen Bremszug ein. Demgegenüber sind Scheibenbremsen und auch die sehr populäre Hydraulik-Felgenbremse von „Magura“ sehr viel anfälliger für Transport- und Unfallschäden und die speziellen Ersatzteile sind regional nur schwer zu bekommen.

4. Sonstige Komponenten

– Steuersatz, Acres, AH-03

– Speichen, Salim, Race 14G, schwarz

– Nippel, Sapim, Polyax 14G

– SKF, BAS-600 Innenlager

– Ritchey Vorbau Comp. MTN 6°/16°

– Ritchey Lenker, Comp 5D

– Lenkergriff Ergon GP-1

– Lenkerhörnchen, Ritchey, Pro, M, schwarz

– Schläuche Schalbe, SV 13, 26 x 1,5/2,5

– Sattelstütze, Ritchey, Comp 2B, 31,6 / 300mm

– Sattel – Terry Fly GT Gel Black

– Kurbelgarnitur, Sugino, XD-110. 175 mm

– Kettenblatt, Spécialités T.A, Stahl, 42 Zähne

– Ritzel, Rohloff, Stahl, 17 Zähne

– Pedale, Shimano, PD-A 530

– Tubus Gepäckträger

5. Tipp: So viel wie möglich Probe fahren!

Wenn Du auf der Suche nach einem Reiserad bist, solltest Du verschiedene Räder Probe fahren, bevor Du Dich zum Kauf entscheidest. Es ist vor allem wichtig, dass Du ein Gefühl für Deine optimale Sitzposition bekommst, die dann auch Einfluss auf die Auswahl des Rahmens haben wird.