5 Gründe für Radreisen

Individuelle Radreisen erfreuen sich zunehmender Beliebtheit. Auf der anderen Seite stellen sich viele die Frage, warum man mit dem Fahrrad verreisen sollte, wenn öffentliche Verkehrsmittel, PKW und organisierte Reisen mit wesentlich höherem Komfort locken. Die potentiell anstrengende Fortbewegung per Rad passt nicht zu der mit dem Urlaub verbundenen Erholungserwartung der meisten Menschen. Was sind also Gründe dafür mit dem Rad zu verreisen? Naturgemäss sind die persönlichen Motive dafür so vielfältig wie die Reiseziele, die zur Auswahl stehen. Gleichwohl haben Reisen, bei denen der Reisende auf eigene Faust und mit gepäckbeladenen Rad unterwegs ist, ein paar ähnliche Rahmenbedingungen; egal ob es eine herausfordernde Solo-Reise durch die Alpen oder eine eher entspannte Partner-Tour über den Donauradweg ist. Basierend auf diesen Gemeinsamkeiten habe ich nachfolgend meine persönlichen 5 Gründe für individuelle Radreisen skizziert, die dem an Radreisen Interessierten einen Anhaltspunkt dafür geben können, was ihn erwartet:

1. Im eigenen Rhythmus unterwegs

Unser Rhythmus wird in der modernen Arbeitswelt immer mehr von außen bestimmt. Auf Kommunikationskanälen wie E-Mail, SMS, Skype, etc. wird fortwährend gesendet und empfangen, oft verbunden mit der Erwartung auf eine prompte Antwort. Dazu kommen Telefonate und Meetings. Im Privatleben übernehmen dann nahtlos Facebook & Co. oder die Grenze zwischen Arbeits- und Privatleben ist ohnehin längst durchbrochen. Im letzteren Fall bekommt die Frage nach der richtigen „Work-Life-Balance“ eine ungeahnte Komplexität, weil es nicht mehr nur darauf geht wann man nach der Arbeit nach Hause geht. Viele fühlen sich in dieser Situation getrieben, unter Dauerstrom und gestresst. Bei vielen kommt dann der Wunsch auf, sich wieder einmal in einem entschleunigten und selbstbestimmten Tempo auf Dinge fokussieren zu können. Wissenschaftlich unterstützt wird dieses Bedürfnis übrigens auch durch den Nachweis, dass Multitasking nicht nur kaum jemand beherrscht (nach neusten Erkenntnissen maximal 2 % der Menschen), sondern noch seltener die Produktivität steigert.

Wer mit dem Rad verreist, bestimmt selbst, wie weit er täglich fährt, wann Pausen eingelegt werden, was unterwegs besichtigt wird und wo und wie man am Ende des Tages unterkommt. Für mich ist es immer wieder wohltuend schon ab dem ersten Kilometer den Reaktionsmodus hinter mir zu lassen und selbst den Rhythmus der Tour zu bestimmen. Draußen an der Luft unterwegs fühle ich dann regelmäßig das sichere Gefühl für die eigenen Bedürfnisse und Möglichkeiten zurückkommen, ein Gefühl, dass in einem hektischen Alltag oft untergeht. Der gleichmäßige Tritt in die Pedale kommt für mich einer Mediation nahe und ganz nebenbei nehmen Kraft und Ausdauer mit jedem Tag zu. Für mich ist diese Art des Reisens daher eine ideale Möglichkeit Energie zurückzuerhalten, die einem helfen kann, den Alltag zu Hause frisch anzugehen und eventuell sogar ganz neu zu gestalten.

Mit leichtem Gepäck und gleichmäßigem Tritt im Norden von Laos unterwegs:

2. Abseits des Touristenmainstreams

Organisierte Gruppenreisen stellen meist sicher, dass man in kurzer Zeit alle Attraktionen der Umgebung besichtigt und währenddessen gut versorgt wird. Am Ziel steigt man aus dem Bus, fotografiert das Objekt der Begierde und ist dann bald wieder unterwegs zum nächsten Ziel oder zur nächsten Mahlzeit. Zwangsläufig bewegt man sich dabei auf den Pfaden, auf denen auch alle anderen Touristen unterwegs sind, denn was gesehen werden muss, steht in jedem Reiseführer. Selbst Backpacker schließen sich oft zwangsläufig diesem Strom an (der in der Hochsaison auch mal die Form eine Schafherde annehmen kann), da die öffentlichen Verkehrsmittel naturgemäß ebenfalls auf die touristischen Attraktionen ausgerichtet sind.

Wenn ich mit dem Rad unterwegs bin, bin ich von der bestehenden Massentourismus-Infrastruktur völlig unabhängig, suche mir eigene Ziele, die meinen Interessen entsprechen und kann Attraktionen oft über landschaftlich schöne Nebenstrecken erreichen. Besonders schätze ich dabei mir soviel Zeit nehmen zu können, wie ich möchte, ohne dem Zeitplan einer Reisegruppe oder dem Fahrplan der öffentlichen Verkehrsmittel unterworfen zu sein. Auf diese Weise bin ich auch an Orte gekommen und habe Dinge erlebt, die ich als Pauschaltourist nie erlebt hätte und die sich tief in mein Gedächtnis eingegraben haben. Unvergessen ist für mich bespielsweise der nachfolgend festgehaltene Blick auf den bolivianischen Salzsee Laguna Cañape auf 4.600 Meter Höhe aus meinem Zelt heraus. An diesem frühen Morgen hatte noch keiner der Geländewagen den beschwerlichen Weg hierhin unternommen; ich hatte die Lagune und die Flamingos ganz für mich alleine.

Die Laguna Cañape in Bolivien auf 4.600 Meter:

3. Der Weg ist das Ziel!

Für viele ist Radfahren vor allem eine Sportart. Deshalb liegt es nahe, Reisen mit dem Rad auch als etwas anzusehen, bei dem es in erster Linie um Eckdaten wie Geschwindigkeit und Tageskilometer geht. Es ist daher auch nicht verwunderlich, dass ich im Hinblick auf meine Weltreise meist zuerst danach gefragt werde, wieviel Kilometer ich am Tag oder insgesamt zurückgelegt habe. Wen die Antwort auf diese Frage interessiert, der kann dies auf hier unter der Überschrift „Statistik“ nachlesen 😉

Tatsache ist, dass der, der mit Reiserad und Packtaschen unterwegs ist, meist in einem eher gemächlichen Tempo voran kommt und automatisch entschleunigt. Allein schon die Schwere des bepackten Rades (auf meiner Weltreise waren dies bis zu 50 kg Gesamtgewicht!) verleitet kaum zu übermütigen Sprints. Wer es doch versucht, wird es voraussichtlich bereits am nächsten Anstieg bereuen 😉 Für den Radreisenden ist es eher wichtig sich die Kräfte einzuteilen und einen ruhigen, gleichmäßigen Takt zu finden, um die Umwelt auch entspannt aufnehmen zu können und die Reise letztendlich genießen zu können. Für mich bemisst sich der Erlebniswert einer Radreise daher weniger anhand von sportlichen Kennzahlen und einem möglichst schnellen Erreichen des Zieles. Wichtig sind mir Erlebnisse auf dem Weg und das wohltuende Fühlen des Reisens aus eigener Kraft, während ich meine Umgebung mit allen Sinnen aufnehme.

Auf dem folgenden Foto war ich im Frühling in Tibet unterwegs. Kalte Temperaturen, die Höhe und einige knackige Anstiege ließen sich nach der härteren Eingewöhnungsphase inzwischen besser bewältigen, weil ich in einem ruhigen Takt unterwegs war. Nur auf diese Weise konnte ich die gewaltige Umgebung Tibets und die Stille wirklich genießen. Auch hier war der Weg das Ziel!

4. Auch außerhalb der Komfortzone

Bei organisierten Radreisen, selbst denen mit einem radsportlichen Fokus, ist der Organisator stets bemüht Anstrengungen der Reisegäste in einem angenehmen Rahmen zu halten. Das vorbereitete Abendessen und die Unterkunft im Zielhotel erwarten einen schon am Ende das Radtages. Und falls man sich einmal nicht so fit fühlt, steht das Begleitfahrzeug bereit, um einen mitzunehmen und gegebenenfalls auch den platten Reifen zu reparieren. Für Menschen, denen es wichtig ist, dass Anstrengungen und Belastungen immer in einem komfortablen, abgefederten Rahmen stattfinden, ist dies eine entspannte und auch gesellige Alternative zu reisen.

Für den individuellen Radreisenden sind die konkreten Herausforderungen einer Tour tatsächlich nicht immer vorhersehbar. Denn egal wie gründlich die Radreise vorbereitet wurde, es wird immer auch Tage geben, an denen die Dinge einmal nicht ganz so rund laufen, der Anstieg steiler ist als erwartet, die Hitze, der Regen oder der Gegenwind einem stark zusetzen. Ein platter Reifen kommt dann eigentlich immer zur Unzeit … Das mag zunächst nicht sonderlich attraktiv klingen. Gleichzeitig lernen individuell Radreisende mit der Zeit solche und andere Dinge als wiederkehrende Herausforderungen und als Teil des Abenteuers anzunehmen. Man lernt sich mit Dingen abzufinden, die man nicht ändern kann (wie z. B. das Wetter) und andererseits täglich Lösungen für Probleme in unbekannter Umgebung und oft fremder Kultur zu finden. Für mich machen diese regelmässigen Herausforderungen einen großen Reiz des Radreisens aus, weil ich jedesmal spüre, wie ich daran wachse. Mit der Zeit habe ich dadurch eine entspannte Zuversicht entwickelt, dass es fast immer einen Weg gibt.

Es gibt immer einen Weg; auch mit einem Rad auf der tiefen Sandpiste Boliviens:

5. The Simple Life

Die am meisten verbreitete Form des Reisens ist die Pauschalreise. Sie bietet dem Kunden ein Komfortpaket, das einem die Möglichkeit gibt sich auch im Urlaub mit den Dingen zu umgeben, die zu Hause zum gesellschaftlichen Status gehören: ein Berg von Wechselklamotten kommt ins Gepäck, der Mietwagen vor Ort entspricht möglichst der von zu Hause vertrauten PKW-Marke und der Flat-Screen-Fernseher des Luxus-Hotels sendet auch deutsche Programme. Im Idealfall wird die einheimische Kultur in Form authentischer Tanzdarbietungen in angenehmer Dosierung direkt ins Hotel geliefert, so dass man dieses gar nicht verlassen muss und entspannt zwischen Mittagsbuffet und Abendbuffet konsumieren kann. Der wohltuende wesentliche Unterschied zum Urlaub auf Balkonien dürften im Regelfall zwei Dinge sein: (1) die Anwesenheit von freundlichem Personal, das einem stets zu Diensten ist, (2) das Wetter. Wer sich einfach nur ein wenig entspannen möchte, findet auf diese Weise beste Erholung.

Wer mit dem Rad unterwegs ist, wird sich allein schon aus reinen Kapazitätsgründen beschränken müssen. Bei mir werden zum Beispiel alle mitgeführten Gegenstände nach zwei Kriterien ausgewählt: (1) brauche ich das wirklich?, (2) was wiegt das? Das Endergebnis ist dann meist eine auf Funktionalität ausgerichtete, gewichtsoptimierte Minimalausstattung, bei der die Küchenwaage eine wesentliche Rolle bei der Auswahl der mitzunehmenden Gegenstände zukommt. Auf diese Weise lernt man beispielsweise, dass man allein bei der Auswahl eines T-Shirts 50g einsparen kann … Dazu muss man sagen, dass der möglichst kleine Laptop für viele heute zur Überlebensausrüstung gehört (ja, auch für mich …) und ich auch schon Reiseradler getroffen habe, die kleine Campingstühle und Kaffeeaufbereiter im Gepäck hatten! Wie auch immer sich das individuelle Gepäck am Ende zusammensetzt; im Prinzip ist man mit möglichst überschaubarem Gepäck und wechselndem Komfort unterwegs. Die morgendliche Wahl der Kleidung fällt aufgrund der kleinen Auswahl leicht und die Gefahr overstyled zu sein besteht eher weniger. Gleichzeitig kann man mit einfachen Mitteln (bügelfreie, unempfindliche Hemden, feuchte Tücher, etc.) immer einen recht manierlichen Eindruck machen. Die Zeit, die man auf Radreisen nicht der Pflege des gesellschaftlichen Auftritts und dem Anhäufen von Gegenständen widmet, gibt einem unterwegs erstaunlich viel Raum für ein entspanntes Reisen „mittendrin“. Wer auf diese Weise längere Zeit reist, fragt sich spätestens bei der Rückkehr, warum man Kleidung und anderen Dingen so viel Zeit, Raum und Aufmerksamkeit widmet. Für mich war dies nach meiner 1-jährigen Weltreise der Anlass mich von vielen Dingen zu trennen und mich deutlich zu reduzieren.

Die einfache Art des Reisens hat noch einen weiteren Vorteil: dadurch, dass einen keine trennende Scheiben eines PKWs oder Buses umgeben, nimmt man die Menschen und Umwelt des Reiselandes ungefiltert und mit allen Sinnen war. Mir gefällt dabei besonders, dass man als Radfahrer meist auf einer entspannten Augenhöhe wahrgenommen und angesprochen wird, da keine statusbedingten Hürden, wie z.B. durch ein teures Mietauto, aufgebaut werden. In Gegenden, in die sich nur wenige Touristen verirren, sind diese Begegnungen regelmäßig besonders freundlich und authentisch. Hinzu kommt, dass der Radreisende auch der Tierwelt deutlich näher ist. Die Wahrscheinlichkeit für hautnahe und aufregende Begegnungen wie die mit diesem Braunbären in Alaska kommen auf diese Weise zustande.

Braubär in Alaska mit 30-110er Objektiv:

6. Tipp: „Testtour“

Die hier aufgeführten Punkte entsprechen meiner persönlichen Sicht aus 20 Jahren Erfahrung mit Radreisen. Letztendlich wird sich eine Radreise für jeden anders anfühlen und jeder wird seine eigenen Gründe dafür haben, warum es gerade die Reise mit dem Rad sein soll. Wer mit dem Gedanken spielt, eine Radreise zu unternehmen, aber noch unsicher ist, dem schlage ich vor einen Kurztrip, zum Beispiel während eines Wochenendes, zu unternehmen. Warum nicht einfach vor der eigenen Haustür starten? Als Vorbereitung stellt man sich mit der Landkarte oder GoogleMaps einfach eine ungefähre Strecke für zwei Tage zusammen und packt dann alles aufs Rad, was man für zwei Tage braucht. Wer zunächst auf eine feste Unterkunft zurückgreifen möchte, reduziert das Reisegepäck dadurch merklich. Auf diese Weise kann man sehr leicht erste Erfahrungen machen und hat es gleichzeitig nicht weit zurück nach Hause.