Nach zwei Wochen Radtour durch den Norden von Laos bin ich gestern Abend, am letzten Tag des Jahres 2015, am Nam Ngum See angekommen. Der Nam Ngum ist der größte Stausee von Laos und wird trotz der Tatsache, dass Laos sonst keine großen Wasserflächen oder gar Strände zu bieten hat, von Touristen kaum besucht. Bei meiner Ankunft sah ich allerdings erst einmal nicht viel davon, denn es war bereits nach 20 Uhr und stockdunkel.

Mit verdorbenem Magen am Trockenfisch vorbei

Am Vorabend hatte ich mir in Vang Vieng den Magen verdorben, daraufhin kaum geschlafen und den ganzen Tag außer einem kleinen Müsli zum Frühstück nur eine Cola getrunken. Entsprechend schlapp war ich losgefahren und fühlte mich im Laufe des Tages nicht wirklich besser. Der Verkehr auf der Strecke war die ersten 60 km so heftig, wie ich das seit Anfang der Tour in Chiang Mai nicht erlebt hatte. Als Krönung führte die Strecke zu großen Teilen an einem Fluss entlang, wo die Fischer ihren getrockneten Fisch an offenen Marktständen anboten. Allein der Geruch drehte mir mehrmals den Magen um.

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… und in der Dunkelheit verfahren

Die Freude, mit Einbruch der Dunkelheit auf einer wesentlich verkehrsärmeren Straße unterwegs zu sein, wich am Gipfel des vermuteten letzten Anstiegs der Erkenntnis, dass ich mit meinen Kräften am Ende war und … mich verfahren hatte. Ich musste in der Dunkelheit das Abzweigschild zum See übersehen haben … Also den ganzen mühsam erkämpften Berg wieder runtergerollt und nach 4 km an der Abzweigung den steilen Weg zum Staudamm hoch. An Rad fahren war zu dem Zeitpunkt nicht mehr zu denken. Langsam schob ich das Rad den Berg hinauf. Die Vorstellung, am Ziel duschen zu können und auf ein Bett zu fallen, trieb mich mich weiter in der Dunkelheit voran. Im Scheinwerferkegel meiner Frontlampe sah ich eine hochgiftige Bambusnatter nach rechts ins Gebüsch verschwinden und wischte den kurz aufkommenden Gedanken beiseite, dass es in Laos noch ein paar Tiger geben soll.

Weiter, auch wenn es eigentlich nicht mehr geht!

Erschöpft erreichte ich endlich das Long Ngum View Resort, in dem ich am Vorabend trotz der schlechten Kritiken auf AGODA noch eine Unterkunft gebucht hatte (30 EUR / Superior Zimmer mit Seeblick). Dem jungen Angestellten, der mir meine zwei  Packtaschen dann über etliche Treppenstufen bis ins Zimmer (Nr. 911) trug, war ich für die Hilfe richtig dankbar, denn mir reichte es zu diesem Zeitpunkt schon, mich selbst bis in den obersten Stock des großen Anbaus hochzuschleppen. Nach der Dusche fiel ich nur noch erschöpft aufs Bett und bekam sofort einen Krampfansatz im Oberschenkel. Ich hatte zu wenig getrunken und wenn ich in dieser Nacht schlafen wollte, dann musste ich das dringend nachholen. Also raffte ich mich auf und begab mich die ganzen Stufen wieder hinunter ins Restaurant.

Karaoke-Party und Bier?!

Im Restaurant stieg eine große Silvesterparty. Das Unterhaltungsprogramm bestand im Wesentlichen darin, dass die Frauen zusammen saßen oder leicht beschwingt tanzten und und die Männer laut grölend immer wieder miteinander anstießen und dabei Unmengen an Alkohol zu sich nahmen. Gekrönt wurde das Ganze durch eine laotische Variante der “Reise nach Jerusalem” und Karaoke-Einheiten, die nicht nur die Lautsprecher etwas überforderten. Etwas abseits hatte ich inzwischen 1 1/2 Liter Wasser und ein großes Lao-Bier (0,64 Liter) getrunken und entspannte mich zusehends. Nach Essen war mir nach wie vor nicht zumute.

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Darf man Neujahr verschlafen?

Als ich um 21 Uhr in meinem Zimmer ankam, war mir sofort klar, dass ich es nicht bis Mitternacht durchhalten würde. Warum auch? In Deutschland würde erst in 9 Stunden Mitternacht sein und außerdem spielte für mich genau dieser Augenblick als derzeit Alleinreisender eh’ keine Rolle. Wichtig war für mich, dass es ein gutes Jahr gewesen war und ich mich auf 2016 freute. Dieser letzte Tag trübte das keineswegs. Im Gegenteil.

Noch einmal außerhalb der Komfortzone

Auf fast jeder meiner Radtouren gibt es einen Tag, an dem ich meine Komfortzone und empfundenen Leistungsgrenzen deutlich überschreite. Meist ist das nicht beabsichtigt, sondern kann mit dem Wetter, dem körperlichen Zustand oder anderen unvorhergesehenen Ereignissen zusammenhängen. Währenddessen tut es mir dann natürlich auch nicht gut. Allerdings habe ich über jahrelange Erfahrungen die feste Zuversicht erworben, dass auf jede Anstrengung, mag sie auch noch so hart sein, eine Phase der Entspannung folgt. In dieser Entspannungsphase kann ich dann förmlich spüren, wie Körper und Geist an Energie gewinnen und der Level dabei deutlich über das Ausgangsniveau vor der Anstrengung hinausgeht. Im Grunde also das, was mit jedem Training angestrebt wird: eine Leistungsverbesserung (Parallele im Krafttraining: Hypertrophie). Im Ergebnis verlieren auch erhebliche Herausforderungen ihre Schrecken und erlauben, in brenzligen Situationen einen kühlen Kopf zu behalten. Zu sehr beruhigt die Erinnerung an bereits überwundene Schwierigkeiten den Geist. Das mir dies am letzten Tag des Jahres passierte, fand ich ganz passend. Warum sollte ich 2016 nicht mit einer Wachstumsphase beginnen?

Sonnenaufgang um 6 Uhr

Ich schaltete daher mir einem guten Gefühl schon vor 22 Uhr das Licht aus und fiel sofort in einen tiefen Schlaf. Geweckt wurde ich um 6 Uhr durch die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne, die durch die großen Fenster meines Zimmers drangen. Und so konnte ich einen wunderschönen Sonnenaufgang über dem See beobachten und gleich Anita und Paula in Slowenien ein frohes neues Jahr wünschen. Den Sonnenaufgang habe ich mit der GoPro festgehalten:

Ich wünsche euch ein gesundes, inspirierendes und glückliches Jahr 2016!

Viele Grüße,

Carsten

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